Er stand im Zentrum eines der größten Skandale, die je die Republik erschütterten: Udo Proksch und der „Fall Lucona“ hielten über zehn Jahre lang das Land in Atem. Als das weit über die Grenzen bekannte Schlitzohr 1990 wegen sechsfachen Mordes und Mordversuches verurteilt und in die Strafanstalt Karlau in Graz eingeliefert wurde, fand eine der erstaunlichsten Karrieren Österreichs ihr Ende. 2001 starb er an den Folgen einer Herztransplantation.
Doch Udo Proksch alias Serge Kirchhofer war ein Mann mit vielen Gesichtern, ein Mörder mit Künstlerherz. Er entwarf futuristische Brillenfassungen und erdachte sich eine neue Bestattungsmethode in senkrechten Plastikröhren. Unentwegt plante er grandiose Projekte, faszinierte Freunde und Widersacher mit bizarren Geschäftsideen. Er ließ sich mobile Fabriken für Kunststoffpanzer einfallen oder wollte gleich die gesamte Landesverteidigung revolutionieren. In Landsknechtmanier besetzte der „Herr Udo“ das bürgerliche Territorium der Zuckerbäckerei Demel und gründete dort einen elitären Klub für aufgeblasene Herren und willige Damen, den legendären „Club 45“. In den biedermeierlichen Räumen am Wiener Kohlmarkt, seiner Schaltzentrale, knüpfte dieser Wiener Dr. Mabuse ein Netzwerk, in dem sich jedermann mit Rang und Namen verfing.
Der einzige Beruf, den er, der einstige Schüler einer nationalsozialistischen Kaderschmiede, tatsächlich erlernt haben will, war jener des Schweinehirten. In den vielen anderen Bereichen, in denen er Zeit seines Lebens tätig wurde, war er ein begnadeter Dilettant. Er war besessen von einer eigenwilligen Vorstellung eines wienerischen Gesamtkunstwerkes, dem er sich in seinem napoleonischen Wahn verschrieben hatte.
Udo Proksch war ein Frauenfreund und Männerbündler, „Military Freak“ mit Adelstick, Charmeur, Schwerenöter und Teufelskerl. Ein Meistermanipulator, der davon ausging, dass jedermann korrumpierbar sei und in allen, die ihn umschwirrten, potenzielle Opfer sah. Er wähnte sich über den Gesetzen, über jenen des Staates und über jenen des gesellschaftlichen Umgangs. Er spielte den Hofnarren, diente sich den Mächtigen an, ohne dass diese bemerkten, wie sie an seinen Puppenspielerfäden zappelten, während sie sich in seiner Gesellschaft amüsierten. Umschmeichelt. Verlacht. Verhasst. Inbegriff all dessen was faul war, damals in diesem Land.
In seinem Dokumentarfilm Out Of Control hat sich Robert Dornhelm auf die Spuren dieser außergewöhnlichen Existenz begeben. Er gestaltete nicht bloß die Biographie eines schillernden Bürgerschrecks, in dessen Spiegelfechtereien Moral eine bedeutungslose Kategorie darstellte. Vielmehr entwarf Dornhelm das Sittenbild eines Landes, in dem die Mächtigen nach der Pfeife eines Scharlatans tanzen, in dem die herkömmlichen Vorstellungen von Recht und Gesetz ihre Gültigkeit verlieren, in dem hinter den Kulissen eine Hand die andere wäscht, die Frechheit siegt. Udo Proksch war der Zeremonienmeister eines Karnevals der Maßlosigkeit.
|